Zum Inhalt springen

Die Rolle von Social Media in Krisenzeiten

keine Kommentare

Fallbeispiel «Coronavirus»: Wenn der Computervirus nicht mehr das gefürchtetste Alltagsproblem ist.

Am 30. Dezember 2019 warnte der chinesische Arzt Li Wenliang in einer WeChat Gruppe Kollegen, dass das SARS wieder ausgebrochen sei, aufgrund vermehrter gemeldeter Lungenentzündungen in Wuhan, in der Provinz Hubei. Am 7. Januar 2020 war klar, dass es sich um ein bisher unbekanntes Virus handelt und nicht um das bisher vermutete Sars-CoV. Innert kürzester Zeit überschlugen sich die Ereignisse und am 23. Januar 2020 wurde Wuhan zur Sperrzone erklärt, die nicht mehr verlassen oder betreten werden durfte. Am 11. Februar 2020 erhielt das neue Coronavirus den Name SARS-CoV-2 und die ganze Welt geriet zuerst noch gemächlich, dann rasant in die Panik an der Krankheit COVID-19 zu erkranken.

Auch wenn der Ausbruch der Krankheit aufgrund eines Wildtiermarkts vermutet wird, ist die Tatsache unverkennbar, dass es Social Media waren, die die Krankheit «viral» gehen liess.

Es ist dem Sozialen Netzwerk «WeChat» zu verdanken, dass der Arzt Li Wenliang die Neuigkeit überhaupt verbreiten konnte. WeChat, bzw. die chinesische Regierung begann darauf jegliche Nachrichten zu «Corona»-Inhalten zu zensurieren, um den Nachrichtenfluss zu unterbinden. Doktor Li Wenliang musste sogar eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben.

Es wird vermutet, dass eine schnellere Eindämmung möglich gewesen wäre, wenn keine Zensurierung der (Sozialen) Medien stattgefunden hätte und die Transparenz und der Informationsfluss für die Bevölkerung von Anfang an dagewesen wäre.

Der Grat zwischen Meinungsfreiheit und gefährlichen Aussagen

So wichtig Transparenz in diesem Moment gewesen wäre, so wichtig ist es aber auch, nicht zu vergessen, dass ein unkontrollierter Austausch auch grosse Gefahren bergen kann. Wo Informationen sind, sind auch viele Falschinformationen. Die Gerüchteküche begann zu brodeln und der Dampf der Gerüchte drang in jede Ritze ein. Kaum wurde der Coronavirus-Ausbruch medienpräsent, tauchten Informationen auf, dass das Coronabier schuld an dem Ausbruch sein, oder dass die chinesische Regierung den Virus künstlich hergestellt habe, damit die Population von China eingedämmt werden könne oder man viel trinken solle und so der Virus nicht in den Körper eindringen würde. Sogenannte «Fitness-Blogger» behaupteten, dass eine ketogene Ernährung das Gesundbleiben garantieren würde. Insgesamt mögen diese Behauptungen noch harmlos sein, doch es ist nicht zu vergessen, dass man nie weiss, wer diese Nachrichten lesen und davon beeinflusst wird. Social Media hat den Charakter, dass Benutzer sich in Informationsblasen bewegen. Nutzer erhalten Beitragsvorschläge anhand ihrer Interessen. Sind sie sowieso schon an ketogener Ernährung interessiert, würden diese Beiträge ihre Überzeugungen bestärken, da eine kritische Auseinandersetzung mit einer Thematik nicht gefördert wird in einer Informationsblase. Im Grunde genommen ist solch eine Informationsblase der Bestärker eines Teufels- oder eben Engelskreis, da man immer die Informationen erhält, die sowieso gehört werden möchten. Die kritische Auseinandersetzung mit einem Thema verlangt Willensbereitschaft und schlussendlich aber vor allem das Wissen, wo überhaupt verlässliche Informationen bezogen werden können.

Die Motivation für die Verbreitung von Falschinformationen kann sehr unterschiedlich sein. Oftmals ist Geldgier das Motiv, da oft mit der Angst gleich ein Heilmittel mitgeliefert wird. Aktuell sind besonders ätherische Öle hoch im Kurs, die alle möglichen Krankheiten heilen sollen, von Krebs über Masern bis zum fiesen Schnupfen oder gar Schlaflosigkeit. Doch schlichte Böswilligkeit, Unwissenheit, Angst oder Unsicherheit können den Teildrang auch befeuern.

Flattummyco Feed der eine eingeschränkte Einsichtnahme aufgrund der neuen Meldefunktion besitzt.
Reduzierte Einsichtnahme von Diätprodukten auf Instagram

Die Schauspielerin und Bodyaktivistin Jameela Jamil setzte Instagram mit ihrer Bewegung «I_Weigh» unter Druck, die Verbreitung von Abnehmprodukten zu kontrollieren. Neu kann man diese Posts unter «Verkauf illegaler oder reglementierter Güter» melden. Dieser Schritt hat den Hintergrund, dass allein in der Schweiz 3.5% der Schweizerinnen und Schweizer einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkranken werden und Instagram in diesem Fall besonders junge Nutzer schützen möchte. Die Posts werden dann nach der Meldung überprüft und verdeckt und können nur nach der Altersbestätigung angesehen werden.

Facebook, Instagram, Twitter und TikTok sind sich immer mehr der Verantwortung bewusst, falsche Informationen eindämmen zu müssen und ihren Beitrag an die globale Pandemiekontrolle leisten müssen. Gibt man z.B. «Coronavirus» ein, so wird man automatisch auf die WHO – World Health Organisation – oder auf das BAG – Bundesamt für Gesundheit – weiterverwiesen.

Verweis von Instagram auf die World Health Organisation
Verweis von Instagram auf die World Health Organisation
Verweis von Twitter auf das Bundesamt für Gesundheit
Verweis von Twitter auf das Bundesamt für Gesundheit
Verweis von TikTok auf die international zuständigen Departement

Mark Zuckerberg, CEO von Facebook, hat bekannt gegeben, dass er alle Posts entfernen lassen werde, welche Heilmittel gegen das Coronavirus versprechen und aber nicht von offiziellen Stellen, wie das WHO, auch bestätigt worden sind.

Rückblickend haben Soziale Medien nicht immer im Bewusstsein ihrer Beeinflussungsmacht gehandelt, welche, obwohl das Bedürfnis sehr hoch gewesen wäre. Diese Verantwortung ist jedoch, besonders in dieser Krisenzeit bemerkenswert erkennbar.

Der Weg des BAG’s in die Herzen der Verunsicherten.

Das BAG hat relativ über Nacht eine ganze Informationskampagne lanciert, welche die Bevölkerung über die notwendigen Schutzmassnahmen informieren sollte. Diese wurde grossflächig durch Soziale Medien auf Facebook , Twitter und Instagram publiziert.

Ebenfalls wurde jeweils um 18:00 Uhr die Zahl der neuinfizierten Personen bekanntgegeben.

Diese Massnahmen wurden sowohl traditionell auf den Feeds gepostet wie auch mit gesponsorten Beiträgen als Story Ads und Link Ads im Feed verbreitet.

Instagramfeed der den gesponserten Link Ad Beitrag vom BAG zeigt zum Thema Coronavirus.
Link Ads vom BAG
Instagramfeed der den gesponserten Story Ad Beitrag vom BAG zeigt zum Thema Coronavirus.
Story Ads vom BAG

Aus unserer Social Media Studie 2019 kann man entnehmen: Der Durchschnittsschweizer verbringt 1-2 Stunden am Tag auf den Sozialen Medien. Dieser Fakt lässt die Tatsache nicht verleugnen, dass eine Kommunikation von Staat zu Bevölkerung auch online verlaufen muss, da das World Wide Web einen prägenden Teil unseres Alltags geworden ist. Konsumenten werden von Fitness-Influencern zu einem gesünderen Lifestyle inspiriert, lesen bei medizinischen Experten Ratschläge rund um den Körper und Geist, lassen sich von ihrem Yoga Instructor aus dem Sommer Yoga Retreat zum Ein- und Ausatmen erinnern, lernen Tipps und Tricks rund ums „Mami sein“ von Momfluencern ihres Vertrauens, hören sich Liebesweisheiten von Komikern an und bilden sich ihre Meinung über die lokalen und internationalen Politiker.

Soziale Medien sind heute das, was für Luther die Toren der Schlosskirche von Wittenberg waren, als er seine 95 Thesen veröffentlichte: Ein Anschlagbrett zur Verbreitung von Gedankengut. Es bleibt wohl unbestritten, dass selten ein Gedankengut im Internet so revolutionär, wie dies von Luther ist, und trotzdem verbleibt die Tatsache, dass der Kampf um die Meinungsmache auf den Rücken der Smartphone-Screens ausgetragen wird.

Es wäre nichts weniger als töricht, wenn der Staat nicht ebenfalls Soziale Medien nutzen würde, um mit dem Volk in Gespräch zu bleiben und so eine Informations- und Vertrauensbasis herzustellen.

Einen weiteren Vorteil ist die Möglichkeit veränderte Informationen schnell anzupassen und erneut zu publizieren. Das neue Coronavirus verbreitet sich unerwartet schnell und die Situation ändert sich manchmal innert Tagen, teils sogar Stunden. Würde man, wie zu den Zeiten der Spanischen Grippe Plakate aufhängen, müssten jeweils diese abgehangen, neue Plakate bedruckt und diese schliesslich wieder aufgehangen werden. Dies müsste in der ganzen Schweiz simultan und grossflächig geschehen. Dieser Aufwand an Personal, Zeit und Material kann nur Social Media Kampagnen einschneidend reduziert werden.

Das neue Coronavirus mutiert zum Ohrenwurm.

Die vietnamesische Regierung ging sogar noch einen Schritt weiter.

Sie beauftrage den vietnamesischen Musiker Khac Hung mit den Sängern Min und Erik ihren Hit-Song «Jealous» in eine Anti-Corona Kampagnensong «Ghen Cô Vy» umzuschreiben und dadurch auf korrektes Händewaschen hinzuweisen. Das Lied hat aktuell 14 Millionen Aufrufe auf Youtube (Stand 13.03.2020).

Als der Tänzer Quang Đăng dazu noch eine Choreografie erfand, gab es für das Lied kein Halten mehr und ging durch die Decke.

Der Hashtag #ghencovychallenge verzeichnet 11.4 Mio. Aufrufe auf TikTok (Stand 13.3.2020).

Wenn der Goldesel besser ein Klopapieresel wäre

Betritt man zurzeit einen Laden, fallen einem zwingend die vielen leeren Regale von langhaltbaren Lebensmitteln, Masken, Desinfektionsmitteln und besonders das fehlende Toilettenpapier auf. Die Panik macht selbst nicht vor dem stillen Örtchen Halt.

Gleichzeitig liest man von etlichen gestrichenen Flügen, weil die Menschen aktuell nicht fliegen wollen und auch für die Zukunft nicht planen möchten. Der Tourismus, die Gastronomie, Transportunternehmen und viele weitere Betroffene aus der Wirtschaft beklagen Verluste aufgrund von ausgebliebenen Buchungen und Besuchen, weil viele lieber zuhause bleiben möchten.

Experten haben herausgefunden, dass Soziale Medien einen einschneidenden Einfluss auf den Panikbarometer der Weltbevölkerung haben. Nach aktueller Kenntnis ist das Virus nicht zu unterschätzen, besonders auch, weil der Staat eine Schutzfunktion hat und dieser Schutz nicht erst bei den Risikopersonen anfängt, sondern auf einer viel breiteren Basis Schutzmassnahmen initiieren muss, damit Risikopersonen dann schlussendlich nicht zu Risikopatienten werden.

Doch vergleicht man den aktuellen Stand der Situation zu anderen Pandemien oder der üblichen Grippe, so weiss man, dass die Hamstereinkäufe nicht im Verhältnis zur realen Gefahr stehen.

Der Blick in die Sozialen Medien vermittelt aber eine andere Lage der Dinge. Dort erleben wir hautnah die Sorgen der Menschen in Quarantäne mit, sehen die Panik in den Augen, wenn jemand von einem/r Huster/in den öffentlichen Verkehrsmittel erzählt, den Ärger von Einkäufern/innen über fehlendes Klopapier, usw. Wie soll man da ruhig und bedacht bleiben?

Auch hier handelt es sich wieder um ein zweischneidiges Schwert, dass wir so vieles hautnah miterleben.

Als, zuerst abseits des internationalen Auge, dann vor der Aufmerksamkeit der ganzen Welt im Winter 2019/2020 scheinbar unaufhaltsame Feuer die australische Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte, waren die Sozialen Medien es, die den Schmerz und das Mitgefühl in die Wohnzimmern der Welt brachten. Australier teilten die Sicht aus ihren Wohnzimmerfenstern, wo nur noch ein rot-oranger Himmel zu sehen war oder wie sie verzweifelt versuchten ihre Stadt zu verlassen, auf Militärschiffen übernachten mussten und dabei noch versuchten, so viele Tiere wie möglich zu retten und zu schützen.

Die australische Komikerin, Celeste Barber, konnte nicht mehr wegschauen, als ihre Schwiegermutter sich plötzlich im Herzen der Katastrophenzone wiederfand. Sie teilte die Erfahrung ihrer Schwiegermutter mit der Welt und eröffnete eine Spendenseite auf Facebook für die NSW Rural Fire Service & Brigades. Stündlich teilte sie den neusten Stand auf Instagram, mit ihrem gesungenen Slogan «Power to the people» mit und liess die Leute an ihrer Euphorie und Ungläubigkeit teilhaben. Als die Welt ihr Mitgefühl mit 50 Millionen australischen Dollars kundtat, war klar, dass wirklich Macht in den Nutzern von sozialen Netzwerken steckt.

Fazit:

Soziale Medien sind der Ort, wo Angstmache und Beruhigung zu gleichen Teilen passiert. Durch das ungefilterte Zeigen der persönlichen Perspektive kann ein Gefühl für Situationen entstehen, die schwer zu greifen sind von der anderen Seite der Welt. Dies birgt aber auch die Gefahr, dass dadurch viel Panik und schlussendlich auch viele Falschinformationen verbreitet werden – und so die Sozialen Medien zur eigentlichen Gefahr der Stunde werden.

Dieser Tatsache kann aber Einhalt geboten werden, indem die sozialen Medien sich ihrer Verantwortung bewusst sind und Falschinformationen eindämmen, markieren oder sogar löschen. Ebenfalls sollten Regierung und Schutzorganisationen ihre Informationspflicht wahrnehmen und die Bevölkerung mit bestem Wissen und Gewissen informieren und die nötigen Anweisungen zum Schutze der Gesamtbevölkerung erteilen.

Benötigen Sie Hilfe im Bereich Social Media Krisenmanagement? Wir unterstützen Sie, wenn sich einen sogenannten Shitstorm zusammenbraut.

Kategorie:  Social Media

keine Kommentare

Dein kommentar zum artikel

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Mehr Besucher für Ihre Internetpräsenz.


Unsere Website verwendet Cookies, die uns helfen, unsere Website zu verbessern, den bestmöglichen Service zu bieten und ein optimales Kundenerlebnis zu ermöglichen. Durch Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysen, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Akzeptieren